Ein vergessener Schachverein

In den Akten des Bezirkes wird in einem Brief von Januar 1948 der Aufnahmeantrag des Schachvereins Ihren (ein kleiner Ort bei Ihrhove im Kreis Leer) erwähnt. Dieser Verein wird sonst nirgends in den Unterlagen genannt. So steht er für eine Reihe von Schachvereinen, die nach dem Kriege gegründet wurden und sich dann auch rasch wieder auflösten.

Da interessiert vielleicht, welche Geschichte sich dahinter verbirgt. Ich kann sie erzählen, da ich selbst in diesem Verein Mitglied war:

Ich hatte als Kind in der Familie von den Eltern das Schachspiel gelernt, aber es gab in unserem Dorf Ihrhove nur wenige, mit denen wir spielen konnten. 1946 erfuhren wir, daß in dem kleinen Nachbarort Ihren ein Schachverein gegründet werden sollte. Dort war als Flüchtling aus Ostpreußen ein Herr Grabowski gelandet, er war 1938 Meister des Gaus Ostpreußen gewesen. Er tat sich mit dem Dorfschulmeister zusammen und so entstand ein Verein, in dem mein älterer Bruder und ich als 12jähriger mit anderen begeistert Turnierschach lernten. Wir spielten mit unserer Mannschaft gegen Elisabethfehn und Leer. Etwas besonderes war es schon, als wir  später einmal die Leeraner mit 4,5 zu 3,5 Punkten besiegten.

1949 löste sich der Verein wieder auf, denn Grabowski zog wie viele andere Flüchtlinge von Ostfriesland ins Rheinland, es gab dort im Gegensatz zu unserem ländlichen Raum Arbeitsplätze. Für uns war es nicht überraschend, daß sich auch der kleine Fußballverein von Steenfelde auflöste, auch dort war Grabowski treibende Kraft gewesen.

Ich weiß, daß sich ähnliche Vorgänge in unserem ländlichen Raum oft abgespielt haben, die Flüchtlinge haben an vielen Orten, in die sie gekommen waren, das kulturelle Leben geweckt oder stark gefördert.

Ich persönlich verdanke dem Schachverein Ihren eine gute Grundausbildung, die mich durch die Jahrzehnte meiner Schachbiographie begleitet hat. So war es für mich immer selbstverständlich, anderen zu möglichst guter Ausbildung zu verhelfen.

 Hermann Züchner: